Lotte Reiniger:
Tanz der Schatten
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Lotte Reiniger


Frauen in der frühen Filmgeschichte

„Es war für mich lange Zeit ein Grund zur Verwunderung gewesen, dass nicht mehr Frauen die wunderbare Gelegenheit ergriffen haben, die ihnen die Filmkunst bot, um als Filmregisseurin ihren Weg zu Ruhm und Glück zu machen. [...] Es gibt nichts im Zusammenhang mit der Inszenierung eines Films, was eine Frau nicht ebenso leicht machen könnte, und es gibt keinen Grund, warum sie nicht jede technische Seite dieser Kunst vollkommen meistern könnte.“ ( Anthony Slide 1982, 27)

Diese Äußerung tätigte Alice Blanché, geborene Guy, bereits im Jahr 1914. Ihren ersten Kurzfilm LA FEÉ AUX CHOUX dreht die damals 22-jährige Sekretärin im Frühjahr 1896, also einige Wochen vor der Uraufführung von Méliès’ erstem Spielfilm. Damit kam ihr, unabhängig von ihrem Geschlecht, eine Vorreiterrolle in der Filmgeschichte zu. Im Laufe ihres filmischen Schaffens brachte sie mit ihrer Produktionsfirma Solax über 300 Filme heraus (C. Tilmann 2012, 11). Damit steht Blanché für die bis in die 1920er Jahre entscheidend von Frauen geprägte Filmwirtschaft. Der Film der 10er und 20er Jahre galt somit als Projektionsfläche der „neuen Frau“: Die Schauspielerinnen Asta Nielsen, Colleen Moore, Clara Bow, Henny Porten und Louise Brooks waren die neuen Vorbilder. Die so genannten Flapper, It-Girls und Garconnes gaben sich modern, frech, frei, modebewusst, emanzipiert und selbstständig – so wie es die Zuschauerinnen zunehmend selbst sein wollten (C. Tilmann 2012, 9). In Deutschland thematisierte die dänische Schauspielerin Asta Nielsen mit ihren oft unkonventionellen Frauenrollen, erstmals 1911 mit DER FREMDE VOGEL, selbstbewusst die Beteiligungen und Mitspracherechte der Frau in Gesellschaft und Politik. Die Amerikanerin Fern Andra gründet 1915 ihre Produktionsfirma Andra-Film und die deutsche Schauspielerin Henny Porten war Chefin mehrerer Pruduktionsgesellschaften. 1914 rettete die Bioscop-Dramaturgin Luise Heilborn-Körbitz die Babelsberger Studios durch einen Privatkredit von 20.000 Mark und hielt damit den Betrieb während der Kriegsjahre aufrecht (W. Jacobsen 1992, 26). Doch auch hinter den Kulissen kam den Frauen der 1910er und -20er Jahre eine wichtige Rolle zu. Sie arbeiten, zumeist als Hilfsarbeiterinnen, in allen Stationen der Filmherstellung. Der Dokumentarfilm DIE KLEINEN KLEBERINNEN (BRD, 1980) gibt einen Einblick in die Arbeit dieser Frauen. Eine von ihnen berichtet selbstbewusst, dass man als Kleberin gleichzeitig auch Regieassistentin gewesen sei, beklagt aber im gleichen Zuge, dass Frauen, die Männerarbeit machten, damals wie heute nicht im gleichen Maßen anerkannt würden.

Ab Mitte der 20er Jahre verschwanden sowohl in Deutschland, als auch in den USA die Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen. Unter den Nationalsozialisten blieb Leni Riefenstahl diesbezüglich die große Ausnahme und Darstellerinnen wie Kristina Sölderbaum oder Zarah Leander übernahmen wiederholt die Rolle der liebenden und leidenden Frau.

Doch nicht nur auf Seiten der Filmschaffenden, sondern auch auf Seiten der Rezipientinnen kam den Frauen eine wichtige Rolle zu. Ende der 1920er Jahre waren rund ein Drittel der Angestellten in Deutschland weiblich. Es liegt daher nahe, dass das weibliche Publikum die Hauptzielgruppe des frühen Films war:

„Die neue Kunstform braucht ein neues Publikum – und hat es in den Bürogehilfinnen, Sekretärinnen, Verkäuferinnen oder Telefonistinnen der zehner und zwanziger Jahre gefunden. Mit Bubikopf, Hängekleid, Zigarette und flottem Hut sind sie in fröhlichen Gruppen mit Freundinnen und Kolleginnen auf den Straßen unterwegs, tags im Büro und abends ins Café, ins Kino und in die Vergnügungspaläste.“ (C. Tilmann 2012, 9)

1929 beschrieb der Kulturwissenschaftler Siegfried Kracauer in seinem Essay »Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino«, auf welche Weise es dem Film gelang neue Bedürfnisse zu wecken und zu befriedigen. (S. Kracauer 1971, 11) Doch der abendliche Glanz war für „die kleinen Ladenmädchen“ vermutlich nur eine kurze Flucht aus ihrem sonst eher weniger glamourösen Alltag. Viele von ihnen gingen monotonen Tätigkeiten nach, die zudem oft schlecht entlohnt wurden. Es scheint somit nicht verwunderlich, dass diese Frauen von Happy Ends träumten, die das Kino ihnen allabendlich vor Augen führte.

Sage und schreibe über 100 Jahre Filmgeschichte und 82 Oscar-Verleihungen brauchte es jedoch, bis es gewissermaßen zu einem wahren Happy End in der Geschichte der Frauen im Film kam: 2010 erhielt Kathryn Bigelow als erste Frau den Oscar für ihren Film THE HURT LOCKER (USA 2009) in der Kategorie „Beste Regie“.