Lotte Reiniger:
Tanz der Schatten
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Lotte Reiniger


Lotte Reiniger und die Gebrüder Grimm

Die Umsetzung der grimmschen Märchen von Lotte Reiniger am Beispiel des Märchens „Aschenputtel“

„Ich glaube mehr an Märchen als an Zeitungen“, sagte Lotte Reiniger 1981 in einem Interview mit der FAZ (Lotte Reiniger 1981: FAZ). Mit dieser Aussage lässt sich erahnen, welchen Stellenwert die Welt der Fabeln und Märchen für die Scherenschnittkünstlerin hatte. Den Großteil ihres Lebens widmete Reiniger märchenhaften Erzählungen und Geschichten aus aller Welt. Von Beginn der 1920er bis Ende der 1970er Jahre verfilmte sie unter anderem Erzählungen von Andersen und den Gebrüdern Grimm sowie Geschichten aus Tausend und einer Nacht (Letschnig 2006: S. 5).

Ihre Faszination für Märchen teilte Lotte Reiniger schon damals mit ihrem Publikum und auch gegenwärtig haben Viele ein reges Interesse an märchenhaften Erzählungen. Verankert in den Geschichten der Völker bilden Märchen gesellschaftliche Phänomene ab und stellen einen aktuellen Bezug zur Wirklichkeit her. Auch heute noch ist dieser Bezug in bestimmten Bereichen, wie beispielsweise der Ehe, bei Initiationsriten und dem Umgang mit dem Tod, zu erkennen. Märchen behandeln Themen, die Menschen schon seit Jahrhunderten beschäftigen (Negt/Kluge: S. 758). Doch auch jene Märchen, wie die der Gebrüder Grimm, die keinen offensichtlichen Aktualitätsbezug haben, erfreuen sich großer Beliebtheit. Der deutsche Drehbuchautor und Filmemacher Alexander Kluge begründet diese Beliebtheit mit den „Erfahrungsgehalten“, die Märchen widerspiegeln. Somit seien sie unvergänglich und von so bedeutender Wirkung, dass sie zwar im Laufe der Zeit ihre äußere Erscheinungsform ändern, sich in ihrem Kern jedoch immer mit denselben Lebenssituationen und Wunschvorstellungen der Menschen befassen. Ein Beispiel hierfür ist die Geschichte von Aschenputtel, die als „einfaches Mädchen“ einen Prinzen heiratet. Auch heute thematisieren diverse romantische Komödien diese Gesichte oder es kommt immer wieder vor, dass sich die Prinzen der Könighäuser mit einem Mädchen aus dem Volk vermählen (Letschnig 2006: S.29f.).

Auch Lotte Reiniger nahm sich der Geschichte des armen Aschenputtels an. 1922 verfilmte sie erstmals ein Märchen der Gebrüder Grimm in ihrer Schattenfilmtechnik. Laut der Märchensammler gehörte Aschenputtel „unter die bekanntesten [Märchen] und [wird] aller Erden erzählt“ (Uther 2008: S. 50). Es folgten weitere Silhouettentrickfilme auf Grundlage der Erzählungen der Gebrüder Grimm, wie beispielsweise 1934 „Der gestiefelte Kater“ oder 1944 „Die goldene Gans“. In den Jahren 1953 und 1954 erschuf Lotte Reiniger zusammen mit ihren Mitarbeitern eine Serie von 13 „Märchenfilmen“, wovon wieder viele nach den Geschichten der Brüder Grimm entstanden. Dazu zählen unter anderem „Der Froschkönig“, „Snow White and Rose Red“ und das bekannte Stück „Hansel and Gretel“ (Happ 2004: S.168ff.). Da Lotte Reiniger der Meinung war, dass man bei einer Verfilmung immer nah am Text bleiben sollte, versuchte sie stets mit den Originalvorlagen der Gebrüder Grimm zu arbeiten. So sagte sie: „Hat man sich für einen guten Autor entschieden, so sollte man möglichst originalgetreu arbeiten.“ (Reiniger 1981: S.133).

Vergleicht man ihre Filme mit den in der Literatur auffindbaren Textvorlagen der Grimms, stellt man außerdem fest, dass vor allem der seit Jahrhunderten übermittelte Moralkodex von ihr überwunden wurde. Lotte sah ihre Filme als einen Beitrag zur Sensibilisierung für eine partnerschaftlich interaktive Empathie und schuf damit einen weiteren Bildungsschwerpunkt ihrer Filme (Rappsilber-Kurth 2010: S.14).

Lotte Reinigers Filme wurden auch von zeitgenössischen politischen und künstlerischen Einflüssen geprägt (Letschig 2006: S. 37). So zeigen die Umsetzung und die Adaption der Märchenstoffe der 1920er offen die Spuren von der aufgeregten Experimentierfreude dieser Zeit. Als Lotte 1922 in Berlin das Aschenputtel drehte, fertigte sie ihre Filme im geschützten Umfeld des Instituts für Kulturforschung an. Zu dieser Zeit übte niemand Zensur an der inhaltlichen Interpretation der Stoffe oder äußerte in Rücksichtnahme auf das Kinopublikum Bedenken gegen deren Aufbereitung. In England der 1950er Jahre jedoch war das anders. So weist die englische Version von Aschenputtel, die 1953/54 entstand, deutliche Spuren der Einflüsse der kinderfernsehgerechten Zensur dieser Jahre auf, welche weit über eine Intention, Kindern nichts Grausames zumuten zu wollen, hinausging. Die Produzenten von Lottes Märchenfilmserie für das amerikanische Fernsehen und die BBC waren der Meinung, dass die Stoffe in der filmischen Umsetzung entschärft werden müssten. So entstand die englische Version Cinderella mit Hilfe einer Vorlage von Charles Perrault, die eine grausamkeitsabweisende Form einer „kindergerechten“ Präsentation des Märchens darstellen sollte (Letschnig 2006: S.37f.).

Das entsprach allerdings nicht der Auffassung von Lotte Reiniger, bei der Bearbeitung der Stoffe möglichst am Original zu bleiben. „Alles, was die Geschichte andeutet, sollte auch zum Ausdruck kommen und nicht seichter dargestellt werden, um sich bei den kleinen Zuschauern beliebt zu machen. Kinder haben es gern, wenn man ernsthaft zu ihnen spricht, und wohl ausgewählte Worte werden sie beeindrucken“ (Reiniger 1981: S.133). Eine ähnliche Untergrabung der Werktreue zeigte sich auch bei der Geschichte von „Hänsel und Gretel“, deren Fassung ebenfalls für das Kinopublikum geändert werden musste. Obwohl die Scherenschnittkünstlerin in diesen Stücken einige Veränderungen vornehmen musste, die ihr vielleicht nicht immer zusagten, blieb sie dennoch begeistert von den Märchen der Brüder Grimm und fertigte bis zu ihrem Tod noch viele weitere Scherentrickfilme nach deren Erzählungen an.

Janine Junge