Lotte Reiniger:
Tanz der Schatten
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Lotte Reiniger


Naive Kinderfilme oder hohe Kunst? Lotte Reinigers Anerkennung zu Lebzeiten

Das künstlerische Wirken Lotte Reinigers in Deutschland zur Mitte des 20. Jahrhunderts fiel in eine Zeit des kulturellen und politischen Umbruchs. Anfänglich war die Arbeit der Scherenschnittkünstlerin nicht mit Erfolg beschieden. Ihr erster Langspielfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ aus dem Jahr 1926 fand trotz seiner Coloration in Deutschland keinen Verleih (vgl. Chrambach 2003: 370). Erst nach einer privat finanzierten Aufführung in Berlin mit großem Zuspruch durch die Presse und Kunstszene nahm ein französischer Filmverleih das Werk auf (vgl. Happ 2004: 25). Nach der Premiere in Paris wurde der Film schließlich so erfolgreich, dass er über sechs Monate gespielt wurde (vgl. Stolte 2012). So revidierten auch die deutschen Verleiher ihre anfängliche Skepsis. Der animierte Silhouettenfilm wurde in allen relevanten Zeitungen besprochen (vgl. Happ 2004: 25). Begeisterte Kritiken aus der damaligen Presse belegen den positiven Zuspruch:

„Man ist im Film an Silhouetten nicht gewöhnt. [...] Allmählich aber wird man gefesselt und immer mehr begeistert, entzückt und entrückt.“ Filmkurier, 3.5.1926

„ [...] welch ein Wunderwerk [...]. Hauptsache ist, dass der Geist des Märchens hier in der filmischen Bilderfolge aufs glücklichste neu geboren ist“ Vorwärts, 9.5.1926

Auch in vielen internationalen Metropolen - bis hin nach Tokyo im Jahre 1929 - fand das Werk große Bewunderung (vgl. Happ 2004: 27). Die Anerkennung des Schattenfilms beschränkte sich allerdings auf die avantgardistischen Großstädte. In ländlichen Regionen brachte „Prinz Achmed“ kein Geld ein (vgl. Shandley: 90). Das Publikum erlebte bis dato eine revolutionäre Kinoentwicklung der Spielfilme und war deshalb von dem Wesen der Silhouettenfilme schwer zu begeistern. So erschwerte beispielsweise die Etablierung des Tonfilms die Durchsetzung von Reinigers Filmen, die nur mit Musik unterlegt waren (vgl. Shandley 2011: 95). Der Filmwissenschaftler Robert Shandley resümiert, dass ihre Werke aus Sicht der Filmverleiher zudem zu künstlerisch waren und als schwer vermarktbar galten (vgl. Shandley 2011: 99).

Auch die Themen der Filme von Lotte Reiniger bewirkten eine starke Polarisierung. Manche Kritiker sahen in den dargestellten Märchen eine Weltflucht. So beschrieb der Kultur- und Filmtheoretiker Siegfried Kracauer Reinigers Schaffen retrospektiv als „niedlich“ und als einfache Unterhaltung, an der sich „ein Kleinstadtpublikum und junge Verkäuferinnen mit viel Gemüt und wenig Verstand ergötzen könnte[n]“ (Kracauer 1958: 137f.). Die zwiespältige Meinung übertrug sich auf die Anerkennung Lotte Reinigers im Dritten Reich. Für die NS-Macht waren die Filme zu romantisch, naiv und ungeeignet, um Menschen zu instruieren. Die Filmverantwortlichen des Regimes ließen die Silhouettenkünstlerin wissen: „Wir brauchen gesunde Kost für das deutsche Volk. Was Sie produzieren ist Kaviar, der uns nicht interessiert.“ (zitiert nach Happ 2004: 48). Man akzeptierte zwar die ästhetische Leistung ihrer Filme, dass sie jedoch einen Beitrag zur nationalsozialistischen Erziehung leisten könnten, schloss man aus. So wurde auch eine Förderung abgelehnt (ebd.). Der Film „Papageno“ entstand 1935 auf eigene Kosten, obwohl Hitler Gefallen an diesem Film fand (vgl. Happ 2004: 48). Reiniger wurde schließlich für zwei Kinderfilme vom Reichsinstitut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht unterstützt, eine kontinuierliche Einnahmequelle fand sie in Deutschland zu Zeiten des Nationalsozialismus jedoch nicht (vgl. ebd.: 46).

Im Gegensatz zur fehlenden Anerkennung des NS-Regimes stand weiterhin ein Großteil der Kunstszene hinter ihr, der den Gehalt ihrer Werke bewunderte. Die Zuschauerin Dr. Marie Luise H. beschreibt ihre Wahrnehmung des Films „Das gestohlene Herz“ als kritische Parabel auf das Nazi-Deutschland, sodass es beinahe amüsiere, dass der Film nicht verboten wurde (vgl. Happ 2004: 51f). Auch die internationale Kulturpresse widmete der Künstlerin großen Zuspruch, so beispielsweise das Essay von Eric Walter White, in welchem er Reiniger mit Walt Disney gleichsetzte (White 1931 zitiert nach www.diaf.de). Zahlreiche andere, teils prominente Bewunderer, wie Jean Renoir, Walter Ruttmann, Bertolt Brecht oder die Würdigung durch László Moholy-Nagy oder Béla Bálazs unterstützen ihr internationales Renommee (vgl. Stiegler 2011: 52).

Katharina Matheis