Lotte Reiniger:
Tanz der Schatten
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Lotte Reiniger


Die Technik der Metamorphose am Beispiel des Silhouettenfilms „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“

Der römische Schriftsteller Ovid (43 v. Chr. - 17 n. Chr.) versprach zu Beginn seiner antiken Mythologiensammlung Metamorphosen „von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandeln in neue Körper […]“ (Giebel 1991, S. 47). So kann die Idee von der körperlichen Verwandlung als eine der frühesten kreativen Ideenkomplexe der Menschheit gelten. Das so genannte „Digital Morphing“ ist auch heute aus dem Repertoire der Film- und Computerspielindustrie nicht mehr wegzudenken. Wer erinnert sich nicht an die Aufsehen erregende Verwandlung von Schwarzeneggers Gegenspieler in Terminator II. Doch beschäftigt die Idee der körperlichen Verwandlung Filmemacher nicht erst seit Erfindung der digitalen Bildanimation.

Lotte Reiniger gilt als Pionierin des analogen Animationsfilms. Fasziniert von der Welt des asiatischen Silhouettentheaters entwickelte sie Techniken, Schattenbilder in das Medium des Films zu übertragen. Die Figuren ihrer Filme schnitt Reiniger aus schwarzem Karton oder dünnem Blei aus, wobei die beweglichen Glieder einzeln ausgeschnitten und mit Drahtgelenken verbunden wurden. Die Hintergrundbilder wurden aus transparentem Papier geschnitten. Zur Erstellung des Films wurden die Figuren und Hintergründe auf hintereinander positionierte Glasscheiben gelegt und von unten beleuchtet, wodurch die Drahtgelenke unsichtbar wurden. Die Kamera wurde über dem Glasrahmen montiert und fotografierte Einzelbilder. Die Bewegung entstand, indem die einzelnen aufgenommenen Bild zu einer Bewegungssequenz montiert wurden, wobei die Schwierigkeit darin bestand die Veränderungen pro Bild so klein zu halten, dass die Bewegung im Zusammenschnitt flüssig erschien (Bruckner/Letschnig/Vogt 2010: S. 10f.).

In ihren Filmen nahm sich Lotte Reiniger klassischer Märchenstoffe an oder ließ sich von ihnen inspirieren, um sie umzugestalten. Letzteres geschah bei „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“, inspiriert von den Geschichten aus 1001 Nacht, der in den Jahren 1923 bis 1926 entstand (Frank/Lange 2010, S. 108). In der erzählten Geschichte kämpft ein afrikanischer Zauberer um die Hand einer Prinzessin. Ihr Bruder Prinz Achmed möchte diese Verbindung jedoch verhindern. Der Zauberer verfügt über die Macht sich in andere Wesen zu verwandeln und nur mit Hilfe einer Hexe, die ebenfalls über diesen Zauber verfügt, kann Prinz Achmed den Zauberer besiegen. Am Ende der Geschichte kommt es zum entscheidenden Kampf zwischen Zauberer und Hexe. Zunächst verwandelt sich der Zauberer in einen Skorpion und die Hexe in einen Löwen. Als der Kampf keine Entscheidung zu bringen droht, verwandelt sich der Zauberer in einen Geier und die Hexe wiederum in einen Hahn, doch wieder bleibt der Kampf unentschieden. Schließlich verwandeln sich beide in Fische und bekämpfen sich im Wasser (Reiniger 1972: S. 14).

Die Verwandlungen von Zauberer und Hexe gehören zu den eindrucksvollsten Sequenzen des Films, sind sie doch die ersten Metamorphosen der Filmgeschichte. Die Beweglichkeit der Figuren ließ es zu, dass sie ineinander gelegt und so zu einem Kreis geformt werden konnten. Zusätzlich entfernte Lotte Reiniger nach und nach Details und stellte kleinere Silhouetten her. Hatten die verkleinerten Silhouetten die kleinstmögliche Form angenommen, ging sie in umgekehrter Reihenfolge mit der neuen Konfiguration der Figur vor (Isaacs 1970, 00:53). Besonders gut erkennbar wird dies an der Metamorphose vom Löwen zum Skorpion. Wie zuvor beschrieben, gestaltete Lotte Reiniger Hintergründe, wie etwa Landschaften, auf Scheiben, die auf dem Tricktisch eine Ebene unter den Silhouetten-Figuren angebracht wurden. So wurde Prinz Achmeds Ritt durch das Firmament im zweiten Akt hergestellt, indem Reiniger auf den Glasscheiben unter der Figur Achmeds Papier anbrachte, aus dem dann die Sterne ausgeschnitten wurden. Nun konnte durch bloßes Ziehen an dem Hintergrundpapier der Eindruck erweckt werden, Achmed steige zu den Sternen empor. Die Lichtintensität der Sterne beeinflusste Reiniger, indem sie mehrere Lagen und Ebenen verwendete. Dabei wurden die größten Sterne aus dem obersten Hintergrundpapier und die kleinsten aus dem untersten geschnitten. Die unterschiedlichen Lagen wurden in unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegt, die oberste am schnellsten, die untere am langsamsten, wodurch eine Tiefenwirkung erzeugt wurde (Frank/Lange 2010, S. 114).

Reiniger gelang es sogar Metamorphosen der Landschaft zu einer Figur zu erzeugen. So bringen im ersten Akt unterschiedliche Wolkenformationen das Zauberpferd hervor. Dank ihrer Kreativität war Lotte Reiniger in der Lage vielfältige Konfigurationen von Figuren und Räumen zu erstellen, die auch fast 100 Jahre nach ihrer Herstellung an Faszination nicht verloren haben. Mit handwerklichem Geschick gestaltete sie Transformationen, die heute der Welt der Bits und Bytes überlassen werden.