Lotte Reiniger:
Tanz der Schatten
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Lotte Reiniger


Die Wiederauferstehung des Prinzen Achmed
- Die Restauration eines Scherenschnittfilms

Im Jahr 1999 wäre Lotte Reiniger einhundert Jahre alt geworden - Anlass ihr größtes Werk „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ aus dem Jahr 1926 neu zu restaurieren. Obwohl die Pionierin des Animationsfilms Kopien ihres Werkes nicht nur in Deutschland, sondern auch in die USA, nach Frankreich und Großbritannien verschickt hatte, ging man bis Ende der 90er Jahre davon aus, dass kein Originalmaterial des Filmes mehr existieren würde. Insgesamt schätzen Filmhistoriker, dass 80 Prozent des deutschen Filmerbes verloren gegangen sind. Im Krieg verbrannten viele Filmrollen, andere wurden eingestampft, um an das enthaltene Silber zu kommen, Archive hatten Fehler gemacht oder die Filme waren so häufig gezeigt worden, bis sie kaputt gingen. Von „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ gab es, so dachte man, lediglich Schwarz-Weißkopien aus den 1950er und 60er Jahren. Zu dieser Zeit hatten die Filmarchive weltweit ihre Bestände von dem originalen, aber hoch brennbaren Nitrozellulosefilm auf Sicherheitsfilm kopiert. Da das Geld knapp war, wurden jedoch lediglich Schwarz-Weißkopien - anstelle von farbigen - angefertigt. Obwohl es zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch keinen Farbfilm gab, waren die Filme, nach dem sie in schwarz-weiß aufgezeichnet worden waren, nachträglich szenenweise monochrom viragiert, also eingefärbt worden.

Zwar war 1989 dieser erste abendfüllende Animationsfilm von Lotte Reiniger schon einmal bearbeitet worden, damals hatte man aber bei der neuerlich vorgnommenen Einfärbung bloß interpretiert. Für die Restaurierung zu Lotte Reinigers Jubiläum begannen die Filmrestauratoren Thomas Worschech und Michael Schurig vom Filmarchiv Frankfurt eine neue Recherche. Weltweit wurden Filmarchive angefragt und tatsächlich gab es in London eine Referenzkopie für Kopierwerke in Großbritannien, die in der Zeit zwischen 1925 bis 1927 entstanden war. Wahrscheinlich handelt es sich bei diesem Nitrozellulosepositiv um eine direkte Kopie des ursprünglichen Kameranegativs. Diese Kopie aus dem „National Film and Television Archive“ stellte sich als besonderer Glücksgriff heraus. Zum einen war das Filmmaterial, obwohl über 70 Jahre alt, in einem sehr guten Zustand. Es war lediglich ein wenig geschrumpft und hatte einige Kratzer durch das früher übliche Polieren der Filmstreifen. Zum anderen war der Filmstreifen nicht nur viragiert, zusätzlich waren auch zwischen den Szenen Blankbilder eingefügt, auf denen die Farbinformationen handschriftlich notiert worden waren - so konnten die Restauratoren sehen die originale Einfärbungen der Szenen zurückverfolgen.

Bei den weiteren Recherchen fand das Frankfurter Team in der „Library of Congress“ in Washington D.C. außerdem die Originalpartitur der Filmmusik von Wolfgang Zeller. Der Komponist hatte zum besseren Verständnis die einzelnen Szenenbilder von Lotte Reinigers Filmmaterial an die entsprechenden Stellen der Partitur geklebt. Anhand dieses Manuskripts konnten Worschech und Schurig feststellen, dass der Film ursprünglich in einer anderen Reihenfolge geschnitten war, als bis dato angenommen. Somit konnten sie die ursprüngliche Fassung des Filmes wieder herstellen. Ein weiterer Glücksfall war die in der Weimarer Republik vorherrschende Zensur. Ab 1920 wurde für jeden Film eine Zensurkarte angefertigt, auf der bestimmte Informationen über den Film vermerkt waren. Besonders hilfreich waren die angeführten 124 Zwischentitel. Bisher hatte man mit einer Rückübersetzung der englischen Zwischentitel gearbeitet - die entsprach, wie sich nun herausstellte, jedoch nicht dem deutschen Original. Mit Hilfe dieser Quellen begann nun die Restaurierung.

Um möglichst wenige Schäden der englischen Kopie in die neue Restaurierung zu übernehmen, wurde die neue Restaurierungskopie in einem speziellen Verfahren im Kopierwerk „L'Immagine Ritrovata“ in Bologna hergestellt. Bei diesem „Desmet-Verfahren“ genannten Prozess wird ein neues schwarz-weißes Negativ von dem vorhandenen, farbigen, aber ausgeblichenen und verkratzten Positiv erstellt. Von diesem Negativ kann wiederum ein Positiv erstellt werden, bei dem jede einzelne Szene durch Lichtblitze eingefärbt werden kann - so war es den Restauratoren möglich die ursprüngliche Intensität der Farben wieder herzustellen. Da die Zwischentitel nur auf Englisch existierten, wurden für die deutsche Version die Zwischentitel von der Weimarer Zensurkarte - mit Hilfe des Schriftbildes und des Ornaments der englischen Kopie - von dem berliner Trickstudio Wilk neu erstellt. Auch die musikalische Begleitung musste, basierend auf der Partitur von Wolfgang Zeller, neu gestaltet werden, schließlich war „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ noch als Stummfilm veröffentlicht worden. Die neue Klavierbegleitung übernahmen der Musikwissenschaftler Frank Strobel und der Filmmusiker Pierre Oser.

Ziel der Restaurierung aus dem Jahr 1999 war es, die Premierenfassung, wie sie am 2. Mai 1926 in der Berliner Volksbühne am Bülowplatz lief, wieder herzustellen. Man kann davon ausgehen, dass diese neue Bearbeitung des wohl ersten abendfüllenden Animationsfilms weitgehend identisch mit dem Original ist, so wie Lotte Reiniger es hergestellt hatte.

Martha Dörfler