Lotte Reiniger:
Tanz der Schatten
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Lotte Reiniger


Wie das Schattentheater nach Europa kam

Die Ursprünge des Schattentheaters lassen sich bis nach Asien zurückverfolgen. Das Schattenspiel gehörte in den asiatischen Hochkulturen zu den ältesten dramatischen Kunstformen. Die lange Tradition des Schattentheaters findet sich in vielen Ländern, wie Japan, Taiwan, Malaysia oder Thailand. Die erzählten Geschichten setzten sich hauptsächlich mit religiösen Überlieferungen, Mythen oder Heldensagen auseinander.

Von besonders großer Bedeutung war das Schattentheater vor allem in Indien, dem Land, das viele Wissenschaftler als das Ursprungsland des Schattentheaters vermuten. In verschiedenen Textquellen aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. lassen sich bereits Hinweise auf Schattenspiele finden. Die Übersetzungen und Interpretationen dieser Quellen sind allerdings umstritten. Wie in Asien so wird auch in Indien das Schattentheater auch noch heute praktiziert. Sein Charakter ist meist religiös, daher begleitet es religiöse Zeremonien und Gottesfeste. Häufig thematisiert es auch die Ahnenverehrung. Doch anders, als in Teilen Asiens, werden die Figuren nicht aus Papier, sondern aus der Haut von Büffeln, Ziegen oder Schafen hergestellt. In extra zu diesem Zweck errichteten Schattenspielhäusern und Bühnenkonstruktionen wird das Schattenspiel aufgeführt.

In vielen asiatischen Kulturen hängt das Schattentheater eng mit dem Totenkult zusammen. So ist beispielsweise aus China folgende Geschichte aus dem 11. Jahrhundert n. Chr. schriftlich erhalten. Der Überlieferung nach trauert Kaiser Wu sehr um seine verlorene Lieblingsfrau. Ein Magier am Hof verspricht ihm, die Frau wieder erscheinen zu lassen. Mithilfe einer Lichtquelle und eines gespannten Tuches projiziert er ein Schattenbild, in dem der Kaiser die Verstorbene zu erkennen scheint. Diese Erzählung ist eine der ersten schriftlichen Quellen aus China, in denen das Schattenspiel erwähnt wird. Auch noch heute hat das Schattenspiel eine herausragende Bedeutung für die asiatische Kultur. So begleitet es in China, wie auch in zahlreichen anderen asiatischen Ländern, das tägliche Leben. Es ist Teil des Marktgeschehens, belustigt das Publikum an Festtagen oder dient der einfachen Unterhaltung des Volkes oder der adeligen Gesellschaft. Gespielt wird, wie in Indien, auf speziell angefertigten Bühnen, die den Puppenspieler verbergen. Die Figuren bestehen in China sowohl aus Pergament - also aus Tierhäuten - als auch aus Papier.

Gegenwärtig vermuten einige Forscher, dass sich das Schattentheater von Asien über die Türkei nach Europa ausgebreitet hat. Die türkischen Schattenfiguren wurden häufig aus durchschimmerndem Pergament gefertigt und mit lichtdurchlässigen Farben bemalt, sodass man nicht nur Silhouetten, sondern auch Details, wie Gesichtszüge, und Farbspiele erzeugen konnte. In der Türkei ist das Schattenspiel jedoch seit Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr populär.

In Europa gelangte das Schattentheater in einigen Ländern zwar zu Ruhm, doch diente es meist nur noch der Belustigung und hatte keinen religiösen Hintergrund mehr. Auch gab es, anders als im asiatischen oder osmanischen Raum, keinen bestimmten Sagenkreis, aus dem die dargestellten Geschichten schöpften. Man orientierte sich am Kasperletheater und machte sich über Politiker oder die Gesellschaft lustig. Das Schattenspiel wurde somit zu einer komödiantischen Kleinkunstform. Bis ins 17. Jahrhundert war es in Europa weitgehend unbekannt, wurde dann aber in Süditalien recht populär. Aus den historischen Quellen geht allerdings nie eindeutig hervor, ob es sich hier nicht eher um Laterna magica - Vorstellungen handelte, als um tatsächliches Schattentheater. Die so genannte Zauberlaterne war ein Projektionsgerät, das mit Hilfe einer Lichtquelle und einem Linsensystem Bilder auf eine Projektionsfläche, wie eine Wand oder ein Tuch, wiedergeben konnte. Dieses Gerät war somit ein Vorläufer der Dia- und Filmprojektoren.

In Griechenland setzte sich ein stark türkisch geprägtes Schattentheater durch. So handelten hier die Geschichten meist von dem türkischen Volkshelden Karagös oder seinem griechischen Ebenbild. Bis heute spielt das Schattentheater in Griechenland eine wichtige Rolle, allerdings mit vielen Neurungen und modernen Einflüssen. So sind neben traditionellen türkisch anmutenden Palästen manchmal auch Motorräder oder Flugzeuge zu sehen. Die Scherenschnittkünstlerin Lotte Reiniger hatte während ihrer Zeit in Griechenland vielen Schattenspielen beigewohnt. Es liegt nahe, dass sie sich von den griechischen Darbietungen inspirieren ließ. In ihrem ersten Langspielfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ von 1926 lassen sich viele Einflüsse aus dem orientalischen Schattenspiel erkennen. In Deutschland war die Filmemacherin eine der Letzten, die dem Schattentheater zu größerer Popularität verholfen hatte. Denn trotz allgemeiner Beliebtheit, vor allem im häuslichen Kreis, konnte sich das Schattenspiel nicht halten. Vor allem die Einführung des Films machte es dieser Darstellungsform schwer. Lotte Reiniger versuchte das Schattentheater mit dem Medium Film zu verbinden und konnte damit große Erfolge erzielen.

Auf seinem Weg von Asien und Indien nach Europa hat das Schattenspiel viele Veränderungen durchlaufen und fand schließlich Eingang in den Film. Die animierten Scherenschnittfiguren erzählten hier nun die Geschichten von Mythen und Märchen, von Hexen und Prinzessinnen. Doch damit ist die Geschichte des Schattenspiels noch nicht zu Ende. Die Animationsfilme von Lotte Reiniger inspirieren bis heute noch Filmemacher auf der ganzen Welt.